Bernina Express – die schönste Zugfahrt der Welt

20. Oktober 2013

Die Strecke des Bernina Express gilt als schönste Zugstrecke der Welt. Denn sie führt von den schneebedeckten Alpen in der Schweiz bis zu den Palmen in Norditalien. Vorbei an bewaldeten Hängen, traumhaften Tälern, malerischen Hochalmen, kristallklaren Bergseen und unwirklichen Hochebenen mit Aussicht auf dramatische Gletscher.

Einmal mit dem Bernina Express zu fahren – das war schon immer mein Traum. Und jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit.

Bernina Express in Chur am Bahnhof

 

Morgens früh um 8.32 Uhr verlässt der Bernina Express – mit uns im Gepäck – den Bahnhof in Chur – der ältesten Stadt der Schweiz. Los geht es durch grüne Alpenwiesen und ein breiter werdendes Tal. Wir bewundern lilafarbene Alpenveilchen und die noch erstaunlich dichte Bebauung entlang der Bahnlinie. Diese Häuser haben sozusagen einen exklusiven Blick auf die ein- und ausfahrenden Züge. Doch schnell lichtet sich die Bebauung und wir bekommen das erste Panorama geschenkt.

Bernina Express im Albulatal

Die Panoramawagen des Bernina Express sind einer der großen Besonderheiten dieses Zuges. Die riesigen hochgezogenen Fenster ermöglichen einen Blick bis zu den Bergen. Und während in den Bergen so häufig die Wolken hängen bleiben und die Sicht dadurch nicht immer bestens ist, haben wir wirklich Glück: Strahlendes Wetter, glasklarer Himmel. Besser kann es nicht sein.

Hier auf gut 600 m Höhe sehen wir links und rechts noch dichten Baumbestand. Und darüber türmen sich schon die ersten Tausender und Zweitausender auf. Schroffe Felskanten rechts und links. Wir bahnen uns so langsam den Weg Richtung Süden – und sehen übrigens einen ganz bekannten Fluss in seiner r(h)einsten Form. Ganz klein und klar und nur wenige cm tief bahnt sich hier der Anfang des Rheins seinen Weg Richtung Norden. Unfassbar, dass dieser klare Gebirgsbach einmal einer der größten Ströme Europas wird.

Bernina_Express_7
Der wunderschön rote Bernina Express biegt dann aber ab entlang des Flusses Albula. Gepaart mit der Farbe des Zuges, der gemäßigten Geschwindigkeit und dem traumhaften Alpenpanorama fühlen wir uns so, als würden wir in einer Modelleisenbahn mitfahren. Wer bildlich wissen möchte, wie es hier aussieht, der stellt sich seine Traum-Modelleisenbahn vor, baut sie – und lässt diesen Traum dann einfach hier Wirklichkeit werden. Was Bora Bora für die Postkarte aus der Südsee ist, malt der Bernina Express auf die Schiene.

Bernina_Express_10

Im Prinzip könnte man an jeder einzelnen Station aussteigen – etwa am nächsten Halt in Tiefencastel. Wir könnten aussteigen, wandern, Rad fahren oder was auch immer. Aber allein die Zugfahrt ist solch ein Highlight, dass man auch einfach weiterfahren möchte. Hier ist der Weg das Ziel. Wohl keine andere Bahnfahrt bietet die ständige Abwechslung zwischen Talblick, Bergpanorama und Tunnelfahrten. Insgesamt passiert man auf der 122 Kilometer langen Bahnstrecke 196 Brücken und 55 Tunnel. Die Brücken sind dabei eine Attraktion an sich: Viele sind in Viadukt-Bauweise erstellt. Die großen Steinbögen überspannen spektakuläre Felsschluchten – und sind teilweise sogar ohne Gerüst Stein auf Stein gebaut worden.

Foto:  Rhätische Bahn, Christoph Benz

Foto: Rhätische Bahn, Christoph Benz

Und zu aller Begeisterung verlaufen diese Brücken sogar nicht nur gerade, sondern schlängeln sich durch die Berge – so dass die Fahrgäste aus den vorderen Zugabteilen aus dem Fenster blicken und die Wagen hinten sehen können. Oder umgekehrt.

Bernina_Express_4
Angesichts der vielen Eindrücke vergeht die Zeit für uns wie im Fluge. Was zu Hause langweilige vier Stunden im Zug sein können, sind hier vier Stunden voller Entspannung Aufregung zugleich. Denn einerseits sitzen wir bequem, wohl umsorgt und klimatisiert hinter der Zugscheibe, andererseits möchte man draußen nichts verpassen. Getränke und Snacks werden im Bernina Express übrigens im Bock-Wagen serviert. Das hat nichts mit Bock-Würstchen zu tun. An der Spitze des Rollwagens fährt ein Stoff-Geißbock voran, sorgt für den ein oder anderen Lachern – und schließlich auch für ein bisschen mehr Umsatz.

Bernina_Express_2

Wie ein Steinbock meistert der Bernina Express schließlich auch den Aufstieg auf 2.253 m über Normal Null zum Ospizio Bernina – die höchste Station im Netz der Rhätischen Bahn. Dem hier verlaufenen Bernina-Pass verdankt der Zug seinen Namen. Hier oben hat sich der Lago Bianco (Weißer See) gebildet, dessen grünlich-weiße Farbe aufgrund des abfließenden Gletscherwassers entsteht. Eine Traumwelt auf über 2.000 Metern Höhe.

Bernina_Express_13

Trotz Sonnenschein ist es hier alpin kühl und frisch. Die Sonne glitzert im hell-grünen Wasser. Doch dieser See ist nicht nur als Touristenattraktion gedacht, seit 1927 wird er aufgestaut und sein Wasser zur Kraftwerkszentrale weiter unten in Palü geleitet.

Bernina_Express_12
Die Baumgrenze haben wir nun überschritten und dadurch bietet sich uns ein völlig anderes Panorama: Schroffe Felsebenen mit zufällig aufgeriebenem Geröll. Hier dominiert nicht mehr die Farbe Grün, sondern eher eine Mischung aus teilweise vertrockneten Bodengewächsen und steiniger Mondlandschaft.

Bernina_Express_18

Als besonderes Highlight dürfen wir nun ein paar Stationen mit Zugführer Armon im Bernina Express verbringen. Natürlich nicht zum Small-Talk, denn während der Fahrtzeit ist das Gespräch mit dem Zugführer zu unterlassen. Aber als der Zug bei der Station Alp Grüm hält, können wir schnell unsere Fragen loswerden. Seit über 20 Jahre fährt Armon diese Strecke jetzt. Da treffen zwei Welten aufeinander. Wir, die das erste Mal mit dem Bernina Express fahren und total begeistert sind auf der einen Seite, und auf der anderen Seite der routinierte Zugführer. „Ja, das ist schon eine der schönsten Strecken“, meint er in unseren Augen leicht lakonisch, schließlich kann er die Anzahl der Fahrten hin und zurück schon gar nicht mehr zählen. Das schwierigste sei, trotz der Routine immer wachsam zu bleiben. „Man muss sich immer konzentrieren“, erzählt uns Armon. Runter fahren sei schwieriger als rauf, weil man die Wagen immer gezielt abbremsen müsste.

 

So sitzt er vorne in seinem Führerhäuschen, hat den Blick nach vorne, zu den Seiten, und den Hebel für die Geschwindigkeit immer im Griff. Häufig zeigt der Tachometer gut 40 km/h, das ist schließlich auch keine Strecke zum Schnellfahren. Mulmig wird uns vorne im Führerhaus, als der Zug in die Tunnel fährt – da muss man sich erstmal dran gewöhnen. Ins Dunkle fahren, ohne ein Steuer in der Hand zu haben – und dem Zug ganz vertrauen. Armon bleibt dabei ganz gelassen, setzt im Tunnel seine Sonnenbrille ab und setzt sie am Ausgang des Tunnels wieder auf. Ein Schluck aus der Vittel-Flasche, und schon nimmt er die nächste Kurve in Angriff.

Bernina_Express_11

Für uns ist jede Kurve einzigartig. Jede Kehre hat einen neuen Blick zu bieten. Mal rechts hinunter ins Tal, mal links hinauf zu den Bergen mit Gletschern, wie auf dem Piz Bernina (4048 Meter Höhe) im Bernina Massiv, der dem Bernina Express seinen Namen gibt.
Auf dem Schlusspurt der Zugfahrt mit dem Bernina Express erwartet uns ein letztes Highlight: Das Zugkarussel-von Bursio, oder auch Kreisviadukt Brusio.

Foto: Rhätische Bahn, Giorgio Murbach

Foto: Rhätische Bahn, Giorgio Murbach

Die Strecke führt hier im Kreis, damit der Höhenunterschied auf engstem Raum überwunden werden kann. Durch die Viaduktbauweise fährt der Zug hier zunächst auf der Brücke über die Strecke, bevor er nach dem Kreisel unter dem Viadukt hindurch fährt.

Bernina_Express_16

 

Am Fuße des Viadukts stehen kleine alte Stein-Iglus, die früher zur Aufbewahrung von Käse benutzt wurden. Schließlich erreichen wir Tirano – wir sind in Italien! Hier ist es sofort merklich wärmer, die Straßen voller Temperament, und wir gönnen uns eine Pizza auf dem Marktplatz. Es war die erlebnisreichste Zugfahrt, die wir bisher gemacht haben.

Bernina_Express_15

Text: Katharina & Thomas, ReiseWorld
Fotos: Katharina & Thomas, ReiseWorld, Rhätische Bahn

Wer nun Lust hat, mehr über wunderschöne Zugfahrten zu erfahren, kann bei puriy über ihre Reise mit der transsibirischen Eisenbahn lesen.

Vielen Dank für die Unterstützung der Rhätischen Bahn.

Dies könnte Sie ebenfalls interessieren

5 Kommentare

  • Antworten Jana 22. Oktober 2013 at 18:25

    Einfach nur WOW!! Ein richtig toller Bericht und wahnsinnig tolle Bilder. Ich weiß, was mit auf die Liste für meine zukünftigen Reisepläne kommt ;-)
    Danke für die tolle Inspiration!

  • Antworten malapascua 11. Januar 2014 at 14:46

    Wow, das sieht wirklich wunderschön aus. Wir haben diese Zugfahrt auch schon länger geplant. Scheint wir müssen sie jetzt endlich in Angriff nehmen

  • Antworten Kurhaus Lenzerheide, das etwas andere Hotel ‹ ReiseWorldReiseWorld 14. Januar 2014 at 12:30

    […] Birnenfüllung. Wir konnten hier leide keine Speisen probieren, weil wir bis abends spät mit dem Bernina Express unterwegs […]

  • Antworten wirwollenreisen - der Reiseblog 20. Februar 2014 at 14:55

    Wow, beeindruckende Bilder und sehr interessanter Text.
    Die Fahrt muss auch noch auf meine Liste.
    Mach weiter so! =)

  • Antworten Bahnfahren, die besondere Art des Reisens - ReiseWorldReiseWorld 5. September 2014 at 11:16

    […] sondern ganz klar ein Reiseziel an sich. Sei es die eine Fahrt mit der Bergenbahn in Norwegen, die Alpenüberquerung mit dem Bernina-Express oder eine Reise nach Asien mit der Transsibirischen Eisenbahn. Auch eine Tour im luxuriösesten Zug […]

  • Hinterlassen Sie eine Nachricht

    Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir zur Optimierung Ihres Lesegenusses Cookies verwenden. mehr

    Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir zur Optimierung Ihres Lesegenusses Cookies verwenden. Aus rechtlichen Gründen müssen wir Sie an dieser Stelle darauf hinweisen. Mehr Details gibt es auch in unseren Datenschutzbestimmungen, verlinkt im Impressum.

    Close