Colombo, Sri Lanka, Fahrt zum Elefantendorf, 97. Tag

10. September 2011
Im Elefanten-Park
Im Elefanten-Park

Im Elefanten-Park

Wir sind überrascht, als wir morgens im Hafen von Colombo einlaufen: Ein vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land, schon hier sehen wir zerstörte und verlassene Gebäude, die Luft ist rauchig und im Hafen ist viel los: Mehrere Containerschiffe werden eifrig beladen. Sri Lanka ist ein vergleichsweise kleines Land, aber der Hafen der Hauptstadt Colombo ist einer der wichtigsten Umschlaghäfen in Asien. Schließlich liegt der Hafen an einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten, direkt an der Spitze unterhalb von Indien. Colombo wurde im 5. Jahrhundert als Hafenstadt gegründet und diente unter anderem römischen, arabischen und chinesischen Händlern als Station. Seit dem 8. Jahrhundert siedelten sich dort muslimische Händler an, Colombo wurde zu einem Zentrum des Gewürzhandels. Heute ist es das wirtschaftliche Zentrum des Landes, das die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung erbringt. Wahrzeichen der Stadt sind die Zwillingstürme des World Trade Center (es gibt mehrere World Trade Center weltweit) mit 39 Stockwerken.

Die wichtigsten Exportwaren Sri Lankas sind Textilien, Bekleidung, Edelsteine, Kokosnussprodukte und Tee. Die bekannteste Teesorte ist der Ceylon Tee. Der Strukturwandel der srilankischen Wirtschaft hat aber dazu geführt, dass die einst dominierende Landwirtschaft (Tee, Naturgummi, Kokosnüsse) heute nur noch 12 Prozent der wirtschaftlichen Gesamtleistung ausmacht. 28 Prozent macht der industrielle Sektor aus, insbesondere die Textilindustrie. Der Dienstleistungssektor macht mittlerweile 60 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Die offizielle Hauptstadt Sri Lankas liegt am Rande Colombos. Sri Jayewardenepura-Kotte zählt nur etwa 100.000 Einwohner, während in Colombo selbst über 600.000 Menschen leben. In Colombo selbst befinden sich auch Regierungsgebäude. Aus diesem Grund und aufgrund seiner Wirtschaftsleistung bezeichnet man Colombo als Hauptstadt. Colombo ist eine multiethnische, multikulturelle Stadt. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Singhalesen, Tamilen und muslimischen Moors. Die Stadt beherbergt einzelne sehr moderne Gebäude, doch die meisten Bauwerke sind wie auch im Norden des Landes verkommen und baufällig. Den Menschen, denen es gut geht, leben in kleinen Steinhäusern. Der Putz bröckelt, manchmal fehlen Wände oder es sind Löcher in den Fassaden. Viele Hausen in Holzverschlägen direkt am Straßenrand oder in provisorischen Wellblechhütten in den Slumgebieten am Flussufer. In Colombo ist es laut. Tuk Tuks, Busse, Mopeds und Autos knattern durch die engen Straßen. Sie verpesten die Luft mit Lärm und Abgasen. Selbst die Fortbewegungsmittel hier wirken provisorisch. Ebenso wie Stromkabel, die willkürlich über die Straßen gezogen scheinen. Die Straßenränder sind auch hier voller Müll. Colombo ist keine Schönheit, aber eine Stadt im Wandel. Noch spürt man die Folgen des Bürgerkriegs, der das Land ins Chaos gestürzt hat. Doch man merkt, dass sich das Leben der Menschen langsam verbessert.

Das Straßenbild ist ähnlich, als wir ins Landesinnere fahren. Wir sind auf dem Weg in die Nähe der ehemaligen Königsstadt Kandy. Sie ist die zweitgrößte Stadt Sri Lankas, weil sie früher Königssitz war, wird sie auch die „heimliche Hauptstadt“ genannt.

Im Bergland passieren wir Reisfelder und Ananasgärten und Teeplantagen. Hier stehen noch viele halbzerstörte und verlassene Häuser. Immer wieder fahren wir durch kleine Städte mit bunten Geschäften und Werbeplakaten. Hier und da haben sich Händler aufgebaut, die lokales Obst und Gemüse verkaufen. Überall stehen rote und grüne Tuk-Tuks und warten auf Fahrgäste. Die Menschen sind freundlich, viele winken uns begeistert zu. Wir winken gerne zurück und freuen uns über die Herzlichkeit der Einheimischen.

Wir bei den Elefanten in Pinnawala

Wir bei den Elefanten in Pinnawala

Nach fast drei Stunden Busfahrt erreichen wir unser Ziel, rund 100 Kilometer entfernt von Colombo. Wir sind im Elefantendorf Pinnawala, dem weltbekannten staatlichen Waisenhaus für Elefanten. Im Jahr 1975 hat man fünf Tiere, die man verlassen im Dschungel gefunden hat, aufgenommen und gepflegt. Mittlerweile beherbergt das staatlich finanzierte Asyl 83 Dickhäuter, von denen mehr als die Hälfte im Waisenhaus geboren wurde. Die anderen Tiere hat man hilflos in der Wildnis gefunden. Zum Beispiel der 63 Jahre alte blinde Bulle, der von Wilderern angeschossen wurde und deshalb sein Augenlicht verloren hat. Oder das Elefantenweibchen, das nur noch drei Beine hat, weil es auf eine Landmine getreten ist. Sie wären in der Wildnis verloren, aber in Pinnawala werden sie gepflegt. In Sri Lanka leben noch etwa 3500 Elefanten in freier Wildbahn. Außerdem arbeiten etwa 800 Tiere für den Tourismus, in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Weil die Elefanten im Waisendorf sich vermehren, verschenkt der Präsident Sri Lankas jedes Jahr den einen oder anderen Elefanten, zum Beispiel jüngst an einen japanischen Zoo.

Die Tiere im Dorf verbringen die meisten Zeit auf einem großzügigen Gelände auf einer Ebene vor dem Bergland. Sie kommen zu den Touristen, die im vorderen Teil des Weidelandes Fotos mit ihnen machen. Dafür nehmen die Pfleger auch gerne ein Trinkgeld entgegen, zusätzlich zu dem Eintrittsgeld für das Dorf. Die meisten Menschen kommen hierher, um zuzusehen, wie die Baby-Elefanten fünf Mal am Tag mit der Flasche gefüttert werden. Die Minis bekommen bei jeder Fütterung sieben Flaschen Milch, die sie jeweils innerhalb weniger Sekunden leer saugen. Wir sehen auch ein wenige Tage junges Elefantenbaby, das sich unter seiner Mutter versteckt. Ein etwas älteres Junges hingegen ist weniger ängstlich und trabt quer durch die Futterhalle und stürmt in die Touristenmenge, die vergnügt das verspielte Riesenbaby aus der Nähe streicheln und knipsen. Ein Neugeborenes wiegt rund 70 Kilogramm, wenn es nach einer Tragezeit von 22 Monate auf die Welt kommt. Ein ausgewachsener Elefant mit 60 Jahren wiegt 3500 bis 4000 Kilogramm, wobei ein einzelner Backenzahn etwa sieben Kilo wiegt. Und noch mehr Superlative: Ein erwachsener Elefant frisst pro Tag etwa 200 Kilogramm Blätter von Palmen oder Jackfruitbäumen und trinkt bis zu 70 Liter Wasser.

Flüssigkeit schätzen Elefanten nicht nur zum Trinken, sonder auch zum Baden. Zweimal pro Tag treiben die Pfleger die Elefantenherde durch Pinnawala zum Maha Oya Fluss, wo dann immer rund 50 Tiere im flachen Wasser plantschen. Wir verfolgen das beeindruckende Schauspiel von der Terrasse des Elephant Bay Resort. Die grauen Riesen waten durch das Wasser in der tropischen Berglandschaft, während die Babys spielen und sich gegenseitig jagen und bespritzen. Die großen Kühe kommen bis an die Aussichtsterrasse heran und strecken uns ihre Rüssel zur Begrüßung entgegen, vielleicht auch in der Hoffnung nach etwas Futter. Doch scheinen sie ein ebenso großes Interesse an uns zu haben wie wir an ihnen.

Thomas’ Logbuch: Ein tolles Gefühl, so nah an diesen riesigen und trotzdem majestätischen Tieren zu sein. Sie strahlen eine große Ruhe aus, und wenn sie wie hier im seichten Fluss sich frei bewegen können, dann strahlen sie auch Freude aus – ganz im Gegensatz zu eng angeketteten Elefanten, wie man sie leider häufig sieht. Besonders süß sehen sie dagegen aus, wenn sie den Mund aufmachen und zu lachen scheinen und dabei mit dem Rüssel uns abtasten. So sympathisch. Ein Elefant schnuppert mit dem Rüssel meine Kamera ab – und im Anschluss darf ich die gewaltige Nase streicheln. Ein tolles Gefühl, das werde ich sicherlich nie vergessen. So ein Rüssel fühlt sich ganz schön rau an, etwas behaart, und Leder, so wie wir es kennen, ist dagegen watteweich. Jetzt weiß ich, warum die Tiere Dickhäuter genannt werden. Doch bei all den Spielereien darf man nicht den Respekt vor den grauen Riesen vergessen.

Ein Elefant streckt seinen gewaltigen Rüssel aus und umschlingt ein kleines Mädchen, das sich allzu weit nach vorne auf der Plattform gewagt hat. Der Elefant hebt das Kind in die Höhe, nimmt es ein wenig mit zurück aber lässt es nach einem großen Geschrei in den Fluss fallen. Ein Schock für Vater, Mutter – und die Elefantenpfleger. Große Hektik, Geschrei. Die Aufpasser rennen schnell zu dem Kind, treiben die Elefanten weg, ein Pfleger holt das weinende Mädchen aus dem Wasser. Das Kind ist nass, aber bis auf eine Schramme am Knöchel unverletzt. Die Mutter bleibt überraschend gefasst und konzentriert sich darauf, ihr Kind wieder aufzuheitern. So können sich alle wieder dem idyllischen Anblick der Elefantenherde im Fluss widmen. Denn die Tiere wie in natürlicher Umgebung ohne Zäune oder Gräben zu beobachten ist viel schöner als im Zoo. Bei 35°C im Schatten genießen die Dickhäuter das kühle Bad, denn Wasser und Fluss-Schlamm kühlen und helfen nebenbei auch gegen Parasiten.

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