24 Stunden in Kathmandu

3. Dezember 2014
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Ich habe schon viele Millionenstädte bereist, auch in ärmeren Regionen der Welt. Mumbai und Manila zählten da sicher zu den pulsierendsten. Doch Kathmandu setzt all dem noch einen drauf. Die im Flickwerk erbaute Stadt fasziniert auf gleiche Weise, wie sie abstößt. Hier wechseln sich betörende Gerüche der Garküchen und Gewürze mit Abgasen und Ruß ab. Für Abenteuer-Urlauber in Nepal ist Kathmandu das Tor zum Himalaya.

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Drei Millionen Menschen leben hier auf engstem Raum. Wie groß man jetzt die Stadtgrenzen genau zieht und auf welche Zahl man konkret kommt, ist nebensächlich. Eng sind die Gassen und hoch die Häuser, die verschachtelt ineinander übergehen. Alt neben neu, neu neben alt, hier hat sich alles einfach mal so ergeben – seien es Wohnhäuser, Geschäfte oder sogar Tempel. Da kann es eine enge Häuserzeile geben, an deren Kreuzung sich auf einmal ein neuer Tempel eröffnet. Insgesamt 3000 Tempel soll es in Kathmandu geben. Man sagt, Kathmandu hätte mehr Tempel als Häuser und mehr Gottheiten als Einwohner.

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Auch ist Kathmandu so ganz anders als zum Beispiel Manila und Mumbai. In Kathmandu sieht im Zentrum alles so aus, als wäre es im Grunde genommen von der sozialen Schicht her gleichförmiger. Die Häuser werden allesamt aus Betonfundamenten gebaut, die mit roten Ziegeln aufgefüllt werden, die im Tal vor der Stadt gepresst werden. Und alle Fahrzeuge zwängen sich durch dieselben einspurigen Straßen. Mumbai dagegen hat eine Konzentration von Reichtum, große vierspurige Straßen und eine Konzentration der Armut. Kathmandu wirkt dagegen durchgehend arm. Trotzdem macht die Stadt nicht den Eindruck, als würden die Menschen im absoluten Elend leben.

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Den zentralen Ankerpunkt der Stadt markiert der Kasthamandap-Tempel. Der Legende nach sei er aus einem einzigen Baum erbaut worden. Auch wenn das wahrscheinlich nicht ganz stimmt, zur Pagodenbauweise würde das ganz passen. Dabei wird ein zentraler Stamm in die Mitte gestellt und die Geschosse daran „aufgehangen“ – was diese Bauweise besonders sicher vor Erdbeben macht. Denn diese kommen hier regelmäßig vor. Die Nepalesen sagen, sie hätten diese Bauweise erfunden, in China und Japan sei sie später erst aufgetreten.

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Am Kasthamandap-Tempel befindet man sich mitten in der Stadt. Wie so häufig findet man hier (mehr als) drei Tempel nebeneinander, denn aus einer Zeit, in der die Stadt in drei kleinere Königreiche eingeteilt war, mussten immer gleich drei Tempel gebaut werden. Oberhalb des Kasthamandap-Tempels befindet sich ein Geschäftshaus mit dem gleichnamigen Kasthamandap-Restaurant. Auf der dortigen Dachterasse hat man einen wunderbaren Blick auf den Marktplatz von Kathmandu, dem ehemaligen Krönungs-Palast, der heutzutage als Museum dient, und natürlich auf den zentralen Platz mit den Tempeln. Zudem sieht man in der Ferne auf einem Hügel den so genannten Affentempel, ein buddhistischer Tempel, der tatsächlich auch von Affen bevölkert wird. Außerdem kann man ein wunderbares Dal genießen, die nepalesische Form der Linsensuppe.

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Durch ein Gewühl von Multi-Kulti geht es weiter im Bereich des Hanuman-dhoka Durhar Weltkulturerbes. Dieser zentrale Bereich ist geprägt von zahlreichen Tempeln, die sich gegeseitig zu überragen scheinen. Einer prächtiger als der andere. Jeder Tempel ist einer neuen Gottheit oder einer Inkarnation einer Gottheit aus dem Hinduismus gewidmet. Beliebt sich die nepalesischen Holzschnitzereien, die im oberen Bereich der Außenpfeiler häufig Gottheiten zeigen und im unteren Bereich Szenen bzw. Stellungen aus dem Khama Sutra.

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In Ruhe genießen kann man jedoch keinen Einblick, weil man jederzeit aufpassen muss, nicht vom nächsten laut hupenden Motorrad überfahren zu werden. Das Prinzip des Verkehrs in Kathmandu lautet: Augen zu und durch. Verkehrsregeln gibt es keine. Fußgänger, Motorradfahrer und Autofahrer teilen sich ein und dieselbe schlaglochversehende Fahrbahn.

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Am Rand muss nur ein Fenster aufstehen, und man kann die Menschen im Alltag beobachten. Da sind die Garküchen, die in riesigen Pfannen auf dem Boden einen Brei anrühren. Da sind die zwei Männer, die zusammen einen Feilstein zum Messerschärfen betreiben. Oder die Barbiere, die neben der Rasur auch Kopfmassagen bieten. Mitten im Gewühl aus Buddhisten, Hindus und christlichen oder atheistischen Besuchern entdeckt man immer wieder bestimmte Gruppen von Menschen, die sich in ihrem Reiseziel wohl einig sind. Da gibt es die Gruppe der Adventure-Touristen, die mit Funktionskleidung einen kurzen Abstecher nach Kathmandu machen, bevor es hier, vom Tor zur Freiheit, hinaus geht in die weite Bergwelt. Und da gibt es die Überbleibsel der Hippies, die langhaarig und mit Sandalen durch die Straßen schlurfen und ihr Aussteigertum zur Schau tragen.

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Viel mit Schau hat auch die Gewohnheit zu tun, dass Reinkarnationen teilweise in Form von Kindern auftauchen. Da werden besonders hübsche und makellose junge Mädchen als Reinkarnationen einer Göttin auserkoren und müssen – oder dürfen – dann in einem Tempel leben und sich bei Bedarf einer wartenden Menge im Tempelhof zeigen. Wenn das Mädchen dann mal zum Fenster geschickt wird, zeigt es sich ein paar Sekunden und die Masse faltet die Hände und ruft: Namaste! Bis zur Menstruation (!) darf das Mädchen Reinkarnation spielen und bekommt danach ein lebenslange Rente vom Staat. Für westliche Besucher mutet das alles fremd an, aber man muss ehrlich sein, dass es doch noch mehr Sinn macht, ein junges Mädchen anzubeten als ein vergoldetes Symbol der Folter und des Todes, das sich manche noch um den Hals hängen. Andere Länder, andere Sitten. Sehr positiv ist am Hinduismus in Kathmandu, dass fast alle Bräuche friedensstiftend sind.

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Ausnahme ist das Tierschlachten zu religiösen Zwecken. Zwar ist fast ein Viertel der Nepalesen kein Fleisch, entweder aus religiösen Gründen oder weil sie es sich nicht leisten können. Doch wenn man zu einer Gottheit betet, dass z.B. die Mutter wieder gesund wird, und diese dann wirklich gesund wird, dann hat man möglicherweise ein Hammel versprochen. Eine Kuh ist heilig, die wird nicht geopfert. Aber Wasserbüffel, Ziegen oder Hühner. Und so muss das Tier dann auch geopfert werden. Weiter südlich sogar im größten Schlachtfest der Welt.

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Im Gegensatz zu anderen Moloch-Großstädten ist Kathmandu sehr kleinteilig und wirkt ohne jede Struktur. Aber genau das macht die Stadt auch so abwechslungsreich. Das einfache Schlendern durch die Straße gleicht einem Kinofilm. Kein Tag in Kathmandu vergeht, ohne dass kuriose Dinge an einem vorüber ziehen. Kleiderschränke, die auf dem Rücken durch die Straßen getragen werden – oder Gefängnisse, die direkt an einem Weltkulturerbe gebaut werden – das alles ist Kathmandu. Denn in der Stadt der tausend Tempel schwindet der Glaube. Irgendwann hat jemand herausgefunden, dass man vor dem Bildnis der Gerechtigkeits-Reinkarnation doch nicht Blut spucken muss, wenn man lügt. Also hat die Polizei die Rolle des Lügendetektors übernommen und den Knast direkt neben die Tempelstadt gebaut. Nur eine von vielen unglaublichen Episoden aus einer der interessantesten Städte der Welt – im positiven wie negativen Sinne.

Text/ Fotos: tm, ReiseWorld

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4 Kommentare

  • Antworten der Muger 3. Dezember 2014 at 21:54

    Kathamandu ist schon grossartig. Aber man braucht definitiv mehr als 24 Stunden um die Stadt zu erleben. :-)

    liebe Grüsse vom Muger

  • Antworten Abenteuer Urlaub in Nepal, die besten TippsReiseWorld 5. Dezember 2014 at 15:33

    […] am Flughafen von Kathmandu kommen die Touristen zusammen, die Abenteuer Urlaub in Nepal machen. Man erkennt sie an den […]

  • Antworten N.Berger 11. Februar 2015 at 10:05

    Das hört sich so verlockend nach andere, eigene Welt an. Schöne Bilder, leichter Text.

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