Manila, Philippinen, 64. Tag

4. September 2011
Philippinen: Tanzgruppe am Pier

Wir starten unsere Erkundung im Hafen der Hauptstadt. Dort empfangen uns die Filipinos herzlich und aufwändig: Eine ganze Kapelle steht am Pier und spielt stundenlang. Souvenir-Stände haben sich ebenfalls eingereiht, und einer davon verkauft MS-Astor-T-Shirts. Die Souvenir-Händler hier ziehen sich immer die Logos und die Routen aus dem Internet und bedrucken dann die T-Shirts damit. Ob die großen Marktführer unter den Kreuzfahrtgesellschaften sich das gefallen lassen? Unser Schiff jedenfalls macht das einzig richtige, sieht es locker und freut sich über den Empfang.

Manila wieder im Dunst, die Wolkenkratzer heben sich kaum vom Himmel ab. Manila liegt an der Westküste Luzons und hat im Zentrum 1,7 Millionen Einwohner, im zusammengefassten Raum Metro Manila 11,6 Millionen und in der Metropolregion Greater Manila sogar 19,2 Millionen Menschen. Die Hälfte der Einwohner leben in Armutsvierteln. Manila ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Philippinen. Als Verkehrsknotenpunkt weist die Stadt einer der höchsten Luftverschmutzungen der Welt auf. Denn zum Verkehr kommen Fabriken, Kraftwerke und Müllverbrennungsanlagen, die die Luft verpesten – insbesondere mit Feinstaub. Jedes Jahr sterben 2.000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung und es leiden noch mehr Menschen an Haut- und den Atemwegserkrankungen.

Wir steigen in den Bus und sehen auf dem Weg viele Menschen, die mit Atemschutz herumlaufen. Ein direkter Beweis für die Luftverschmutzung. Die Überbevölkerung führt zur einer Vermüllung und Verpestung der Stadt. Und es werden immer mehr. „Wir sind hier eine Kinderfabrik“, sagt unser Tourguide. Gut ein Drittel der Einwohner ist unter 14 Jahren, zwei Drittel von 15 bis 45 Jahren alt. Nur ein verschwinden geringer Teil ist 65 und älter.

Der älteste Stadtteil Manilas heißt Intramuros, was spanisch ist für innerhalb der Mauern. Damit ist die alte Kolonialstadt gemeint, deren Stadtmauer noch weitgehend erhalten ist. Hier befinden sich Wehranlagen, Paläste und weitere Kolonialbauten der damals herrschenden Klasse im spanischen Stil. Zwölf Kirchen sind noch erhalten. Der Pasig-Fluss teilt die Stadt in zwei Teile: Auf der andere Seite beginnt dann das moderne Manila mit den Hochhäusern. Nur aufpassen sollte man in Manila überall: Ein Drittel lebt unterhalb der Armutsgrenze, weshalb es häufig zu Überfällen auf Leute kommt, die sichtbar etwas Wertvolles mit sich herumtragen. Ein Mitreisender wurde heute Morgen schon überfallen. Die Polizei hatte den Vorfall aber zum Glück gesehen – schnappte die Verbrecher und reagierte mit äußerster Brutalität. Man weiß dann gar nicht, ob die Ganoven einem eher Leid tun sollen. Mitleid haben wir auch mit den Haien, die hier auf den Teller kommen, etwa im Shark’s Fin Restaurant. Finning ist eine besonders brutale Methode, hierbei werden die Haie auf hoher See gefangen, ihnen werden dann die Flossen abgeschnitten und der halb tot, halb lebende Körper wird wieder ins Wasser geschmissen. Jetzt wissen wir, warum die Haie in Palau so geschützt werden.

Bis auf Müll sind in der öligen Manila Bay wohl kaum Fische anzutreffen. Die Bucht ist 17 Meter tief, bietet keine Strände, aber immer wieder einen fantastischen Sonnenuntergang. Hier ist es, wo die Reichsten und die Ärmsten der Welt denselben Sonnenuntergang sehen. Wir fahren hinaus aus dem Zentrum, vorbei an den höchsten Gebäuden des Landes, etwa der Philippinischen Zentralbank. Zunächst passieren wir ein Gewerbegebiet mit Tankstellen, KFC, Starbucks, McDonalds… wir sind plötzlich in Amerika. Die Straßen sind unglaublich breit und alles ist geplant gebaut. Von den Top 10 der größten Malls der Welt stehen drei hier. Der Planung nach soll hier knapp außerhalb Manila-City ein zweites Las Vegas entstehen. Unser Tourguide erzählt uns dazu einige philippinische Erfolgsgeschichten, etwa die von Jollibee. Das ist ein McDonald’s-Verschlag, der sich ganz auf die philippinischen Bedürfnisse eingerichtet hat. Und die inhabenden Filipinos haben nun schon 2000 Filialen, davon 300 im Ausland. Eine weitere Geschichte: SM steht hier dick auf dem Malls. Diese Marke geht auf einen Mann zurück, der als einfacher Schuhverkäufer anfing und zum Mallbesitzer aufgestiegen ist – und nun in der Top 100 Forbes-Liste der Superreichen steht. Wir merken: Auf der einen Seite herrscht bitterste Armut, auf der anderen Seite sind die Philippinen ein aufstrebendes Land. Immer wieder sehen wir riesige Werbebanner mit Wohlstands-Werbung – für Uhren, Autos, Mode… als wirtschaftskrisen-geschüttelte Europäer wird man da fast neidisch, wenn man von den Slums absieht und die aufstrebende Erfolgsseite hier sieht. Aber: Bei genauem Nachdenken propagieren alle Plakate und alle Vorbilder genau unseren Lebensstil. Das alles, was wir schon lange haben und so, wie die meisten Menschen bei uns Zuhause leben, das ist hier das propagierte Ziel. Offiziell arbeiten auf den Philippinen von der 96 Millionen Einwohnern 51 Prozent im Dienstleistungssektor, 34 Prozent in der Landwirtschaft und 15 Prozent in der Industrie. Und viele Leute können sich nun schon Wohlstandsprodukte leisten. Auch der Mobilfunksektor brummte: Hier werden eine Milliarden SMS pro Tag verschickt, weil die Tarife dafür besonders günstig sind.

Im krassen Gegensatz dazu steht, dass zum Beispiel nach dem letzten Taifun viele Stromleitungen fehlten. Nicht, weil sie der Sturm umgerissen hat, sondern weil arme Leute die Gunst der Stunde genutzt haben und die Kabel entwendet haben – damit sie das Kupfer gegen Geld eintauschen können. Bei 22 Taifunen im Jahr ist das ein großes Problem.

Unser erster Halt ist die bekannte Kirche San José mit einer Bambuspfeifenorgel: Sie hat über 900 Bambuspfeifen plus über 100 Metallpfeifen (die Angaben variieren). Beim Baubeginn 1860 konnte man sich nur Bambus als Baumaterial leisten, was heute wiederum eine Besonderheit darstellt. 1881 wurde die Orgel das erste Mal gespielt, 1973 wurde sie in Bad Godesberg restauriert. Damit haben sich die Deutschen hier beliebt gemacht.

Der große Einfluss der Amerikaner lässt sich auf den Straßen erkennen: Kunterbunte Jeep-Bus-Mischungen fahren hier herum, ein Symbol der Philippinen. Der Jeepney. In der Sarao Jeepney-Fabrik sehen wir uns die Veredlung der Gefährte an. Man sagt, das Wort käme von Jeep und knee, weil man sich in den engen Sitzbänken immer die Knie stößt. Für die Filipinos sind die Jeepneys _das_ Verkehrsmittel schlechthin. Früher waren das einmal Jeeps des amerikanischen Automobilherstellers Willys-Overland. Die US-Truppen haben diese nach ihrem Abzug zurückgelassen – und Filipinos bauten sie zu Kleinbussen mit bis zu 14 Sitzplätzen um. Heute gibt es mehrere Jeepney-Fabriken, vor allem im Süden von Manila. Hier verzieren die Arbeiter die Jeepney kunstvoll per Hand. Kein Fahrzeug gleicht dem anderen, und je mehr Farben, Muster und Leuchten ein Jeepney hat, desto schöner. Auch innen sind sie häufig verziert, etwa mit Gardinen, Girlanden und Fotos. Aus Boxen ertönt laute Musik. Die Kosten pro Jeepney belaufen sich bei einem frischen Modell auf gut 10.000 Dollar. Die Fahrzeuge stehen auch in der Kritik, weil sie einen großen Anteil an der Luftverschmutzung im Verkehr haben und oftmals in einem technisch schlechten Zustand sind. Auf den Philippinen soll es insgesamt gut 50.000 Jeepneys geben.

Noch weiter südlich von Manila beginnt das Hochland. Es ist das Vulkangebiet des Taal, eine grüne Vulkaninsel innerhalb eines Vulkankrater-Sees. Der Taal ist der kleinste, aber gefährlichste Vulkan Südostasiens. Seit Ankunft Spanier im Jahr 1572 gab es über 30 Eruptionen, im Jahr 1911 gab es über 300 Tote, 1965 brach er erneut aus. Im Jahr 1976 und zuletzt 1992 erwärmte sich das Wasser im See auf 62 Grad, die Dörfer rundherum wurden evakuiert. Trotzdem bleiben die Menschen hier und kehren immer wieder zurück. Die Erde ist sehr fruchtbar und eignet sich bestens für die Landwirtschaft, etwa für den Anbau von Ananas. Ganz Metro-Manila wird von hier aus mit Ananas versorgt. Der Taal-See eignet sich dazu zum Fischfang. Doch auch die Superreichen zieht es hier hin. Hier oben ist das Klima deutlich besser: Die Luftfeuchtigkeit beträgt 78 Prozent, in Manila liegt sie bei 81 Prozent. Und bei 22 Grad Durchschnittstemperatur ist es da schon deutlich angenehmer als in Manila-City, wo die Luftverschmutzung herrscht. Auch wir genießen die kühle frische Bergluft – uns ist es manchmal sogar zu kalt in T-Shirt und kurzer Hose. Das hätten wir nicht erwartet. Im Bergdorf Tagaytay reihen sich die tollen Ferienhäuser und Luxushotels aneinander. Es gibt auch einige Gated Communities, Luxus-Siedlungen, bei denen man beim Hauskauf direkt Mitglied im Golfclub wird. Wir sind nur für anderthalb Stunden hier und genießen vom 700 Meter hohen Plateau den Blick auf den 270 Quadratmeter großen Taal-See mit seinem 400 Meter hohen Taal-Vulkan. Ein faszinierendes Arrangement der Natur, so wie sich der jüngste Vulkankegel innerhalb des Sees erhebt und wiederum in sich einen neuen See bildet. Der weitaus bekanntere Pinatobu-Vulkan war übrigens 1991 zuletzt ausgebrochen.

Der Taal-Kratersee auf den Philippinen

Der Taal-Kratersee auf den Philippinen

In einem Luxushotel genießen wir auf der Terrasse die Aussicht und essen dazu ein besonderes Eis aus einer ausgehöhlten Kokosnuss: Das Eis ist lilafarben und basiert auf „purple yam“ oder auch Ube genannt, ein Extrakt aus der Yam-Wurzel. Ein beeindruckendes Farbspiel: Lila Eis aus weißer Kokosnuss (innen) mit grüner Schale. Hierfür benutzen die Einheimischen extra junge Kokosnüsse, die noch viel Wasser enthalten erst wenig Fruchtfleisch aufgebaut haben. Somit kann man das Wasser direkt mit dem Eis vermengen und man muss nicht viel Fruchtfleisch aushöhlen. Das Eis schmeckt nicht sehr intensiv, aber etwas süß und erfrischend.

Vulkane. Auf der Welt gibt es 1350 aktive Vulkane, wobei aktiv bedeutet, dass sie in den letzten 10.000 bis 15.000 Jahren mindestens einmal ausgebrochen sind. Man unterscheidet zwei Sorten von Vulkanen: die gutmütigen Feuerspucker und die unberechenbaren Zeitbomben. Feuerspucker wie auf Island, Hawaii oder Sizilien bieten der Bevölkerung häufig noch Zeit zur Flucht. Sie lassen regelmäßig mal Dampf ab und spucken Magma (also geschmolzenes Gestein) in kleineren Mengen. Die unberechenbaren Zeitbomben dagegen ruhen sehr lange, können aber dann explosionsartig ihren Gipfel absprengen und tödliche Aschewolken oder pyroklastische Ströme verteilen. Dabei bleibt den Anwohnern meistens keine Chance. Wie heftig ein Vulkan explodiert, hängt auch damit zusammen wie viel Kieselsäure (Silixiumdioxid) vorhanden ist. Unter hohem Druck liegt es als Gas vor, je weiter es an die Oberfläche kommt, umso mehr löst es sich wieder und bringt den Vulkan zum Brodeln.

Auf dem Weg zurück nach Manila passieren wir auf der Landstraße noch einen Obst- und Gemüsestand. Hier sehen wir die bisher größte Frucht, die wir in unserem Leben gesehen haben: eine Jackfruit. Man kann sie gar nicht richtig aufheben, sie reicht uns aufgestellt bis über die Knie. Aufgeschnitten ist sie saftig-gelb, und stinkt selbst durch die Plastikfolie! Ebenfalls am Stand gibt es Kokosnuss-Essig – auch interessant, das haben wir bisher noch nirgendwo gesehen. Die Kokosnusspalme gilt hier als Baum des Lebens. In den 80ern waren die Philippinen Nummer 1 der Kokosnuss-Exporteure der Welt. Das sind die Nachwirkungen spanischer Kolonialherrschaft, unter der jede Filipino-Familie 200 Kokosnuss-Palmen pflanzen und pflegen musste. Jetzt ist das Land allerdings „nur“ noch Nummer 2 bei der Kokosnuss-Produktion nach Indien, aber noch vor Indonesien. Darüber hinaus sind die Philippinen in den Top 5 bei den Bananenproduzenten der Welt (Platz 1: Ecuador). Und hier direkt vor Ort sehen wir noch die größte Coca-Cola-Fabrik in Asien im Örtchen Santa Rosa. Über 50 kleine Coca-Cola-Lkw nebeneinander in einem streng eingezäunten Hof – und riesige Betonhallen. An einer Seite stehen Zutaten-Tanks in Form riesiger Cola-Dosen. Das ist Globalisierung.

Der Jackfruittree (Johannesfruchtbaum) kommt aus Indien, wird 25 Meter hoch und die Frucht ist bis zu 30 cm breit und bis zu einem Meter lang. Das Gewicht kann bis zu 50 Kilogramm betragen. Die Früchte hängen direkt am Stamm. Sie werden zumeist frisch verzehrt. Das Holz eignet sich gut für Masten beim Bootsbau.

Philippinen – Überblick. Die Philippinen bestehen aus insgesamt 7107 Inseln, von denen 2773 mit einem Namen versehen und etwa 880 bewohnt sind. Sie sind die Spitzen von Untersee-Gebirgsketten. Östlich der Inselgruppe verläuft der Philippinengraben, mit einer Tiefe von bis zu 10.540 Metern einer der größten Tiefseegräben der Erde. Nach Seebeben können von hier aus Tsunamis entstehen, die dann auf die Philippinen treffen. Die Philippinen sind Teil des Pazifischen Feuerrings, was bedeutet: Viele Erdbeben und viele Vulkane. Es gibt gut 20 aktive Vulkane, unter anderem den Mayon und den Pinatubo – beide auf der größten Insel Luzon, die ein Drittel der Landmasse ausmacht und etwas mehr Fläche hat als Island. Alle philippinischen Inseln zusammen haben eine Landfläche, die ungefähr so groß ist wie Italien. Die letzte Einwohnerschätzung betrug 96 Millionen, aber man rechnet mittlerweile mit 111 Millionen Menschen. 95 Prozent der Einwohner sind Filipinos, 1,5 Prozent Chinesen. Die meisten haben eine christliche Konfession, fünf Prozent sind muslimisch, 2,5 Prozent buddhistisch.

Umwelt auf den Philippinen. Kein Ort auf den Philippinen ist weiter als 200 Kilometer von der Küste entfernt, was das Klima nachhaltig prägt. Dies ergibt eine fast stetige Temperatur von gut 26 Grad. Auf den Philippinen existieren über 5000 verschiedene Tierarten und 14.000 Pflanzenarten. Typisch für die Inseln sind Wasserbüffel, Papageien und Delfine. Alle über 7000 Inseln zusammen stellen eines der artenreichsten Ökosysteme der Welt dar. Doch der Mensch zerstört diesen natürlichen Lebensraum nach und nach. In den Städten ist die Luft bereits stark verpestet (siehe Manila) und das starke Bevölkerungswachstum führt zu einem Raubbau an der Natur. Gesetze sollen nun Luft, Regenwald und Meer schützen, aber es hapert noch an der Durchsetzung der Umweltgesetze.

Geschichte der Philippinen. Vor 30.000 Jahren kamen vermutlich die ersten Siedler. Im 14. und 15. Jahrhundert erreichten arabische Händler die Inseln, weshalb der Islam auch heute noch vertreten ist. Im 16. Jahrhundert erhoben die Spanier Anspruch und zerstörten eine islamische Stadt. Im 18. Jahrhundert nahm Großbritannien die Philippinen ein, wobei sie später per Vertrag zurück an Spanien gingen. Im 19. Jahrhundert im Spanisch-Amerikanischer Krieg nahm die US Navy Manila ein. 1942 nahm Japan die Stadt ein und erklärte sie zur freien Stadt. 1945 wurde Manila im Krieg zerstört. 1946 erhielt die Stadt ihre Unabhängigkeit. Danach kam es immer wieder zu innenpolitische Unruhen.

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