MS Europa 2 Kapitän Ulf Wolter im Interview

24. Dezember 2014

ReiseWorld hat Kapitän Ulf Wolter auf MS Europa 2 getroffen und mit ihm darüber gesprochen, was dieses Kreuzfahrtschiff von anderen unterscheidet und wo er persönlich am liebsten unterwegs ist.

Wie wird man Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff wie MS Europa 2?
Ich habe zunächst eine familiäre Prägung. Wir fahren in vierter Generation zur See. Vater, Großvater usw. hatten eigene Kümos, also Küsten-Motorschiffe, und haben diese als eigene Reeder gefahren. Das prägt, weil ich als Kind schon immer auf den Schiffen mitgefahren bin. Ohne Seefahrt geht es dann nicht.

Jetzt fahren Sie kein Kümo mehr, sondern das wohl beste Kreuzfahrtschiff der Welt…
Das stimmt, da war ich der erste in der Familie auf einem Kreuzfahrtschiff. Von der Ausbildung her bin ich Schiffsmechaniker, die man damals noch machen musste, das habe ich auch auf einem Kümo gelernt. Dann habe ich in Hamburg Nautik studiert, ich bin Betriebs-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr, so lautet die genaue Bezeichnung. Man kann ein kleines, mittleres oder großes Patent machen, ich habe das große gemacht. Dann fängt man als dritter Offizier, zweiter, erster an… und dann wird man eventuell Kapitän. Man erhält zunächst das Patent auf Probe und muss eine gewisse Fahrtzeit fehlerfrei absolvieren – und geht dann die nächste Stufe hoch. Ich habe auf einem Containerschiff als dritter Offizier angefangen, bei der Hamburg Süd. Dies fand ich auf Dauer etwas langweilig. Daraufhin habe ich mir einen neuen Job gesucht und bin so auf die Bremen gekommen, im Sommer 1996. Dort habe ich als zweiter Offizier angefangen, habe mich zunächst auf die Navigation konzentriert. Als nächstes bin ich zur Hanseatic gewechselt, habe viel im Bereich Expedition gemacht. Dann kam die Europa im Jahr 1999. Dort wurde ich Sicherheitsoffizier, dann erster Offizier auf der Bremen, dann auf der Hanseatic, dann auf der Europa. 2003 bin ich Kapitän auf der Hanseatic geworden. Das habe ich dann zehn Jahre gemacht, mit einem kleinen Zwischenspiel auf der Bremen. Hier auf MS Europa 2 bin seit Juni 2013.

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Was ist auf der Europa 2 besonders im Vergleich zu anderen Schiffen?
Im Vergleich zu den kleinen Expeditions-Kreuzfahrtschiffen ist das ein ganz anderes Konzept. Während die Expeditions-Schiffe im kleinen Kreis mit gut 150 Passagieren zum Beispiel die Antarktis oder den Amazonas bereisen und den Fokus auf den Expeditions- und Entdeckungscharakter legen, bietet die Europa 2 Kreuzfahrten im Luxussegment an, die an Bord alle Facetten von höchster Gastronomie, Wellness- und Sportangeboten sowie Entertainment abdecken. Zudem grenzen wir uns hier aber auch ab von der „klassischen“ Kreuzfahrt mit der „neuen Freiheit“ an Bord, mit der Umsetzung eines modernen und legeren Lifestyle. Das ist schon etwas Neues für mich.

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Hier haben Sie auch kein Kapitänsdinner mehr…
Genau. Es gibt am Anfang nur eine kleine Vorstellung, wo ich die Offiziere den Gästen präsentiere. Ansonsten gibt es nicht so viele repräsentative Aufgaben für den Kapitän wie auf anderen klassischen Kreuzfahrtschiffen. Aber ich bin nicht unsichtbar, setze mich auch mal zu Gästen, drehe meine Runden an Deck und Ähnliches. Zudem richten wir immer wieder eine offene Brücke ein, wo die Gäste uns besuchen können. Das Konzept hat auf jeden Fall Zukunft.

Was zeichnet die Europa 2 technisch aus?
Technisch gesehen ist die Europa 2 eine Weiterentwicklung der Europa. Das Schiff ist durch den Diesel-Elektrischen Antrieb quasi vibrationslos. Das Schiff ist zudem noch ruhiger.

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Das haben wir im Sturm auf dem Weg von New York in die Karibik gespürt. Woran genau liegt das?
Wir haben mehr Tiefgang als die ganz kleinen Schiffe, gut 6,30 Meter im Gegensatz zu 4,90 Meter bei den Expeditionsschiffen, dadurch liegen wir ruhiger in der See. Zudem sind wir etwas breiter. Bei acht Meter hohen Wellen hat sich das Schiff gut bewährt, auch wegen der modernen Stabilisatoren. Bei den anderen Schiffen wäre es beim gleichen Sturm schon deutlich mehr zur Sache gegangen.

Im Vergleich zu den Ozeanriesen ist MS Europa 2 aber natürlich noch klein. Dadurch kann sie auch an besonderen Stellen auf Reede gehen. 
Ja, dazu würde ich zum Beispiel Destinationen im Mittelmeer zählen wie Portoferraio. Zudem können wir häufiger nahe der Küste auf Reede gehen. Auf St. Lucia sind wir zum Beispiel vor der Marigot Bay auf Reede gegangen und haben nicht im Hafen in Castries festgemacht, wo die ganz großen Schiffe stehen. So können wir unseren Gästen immer etwas besonderes bieten. Ein weiteres gutes Beispiel ist Marseille. Beim Hafen liegt man dort sehr weit draußen und muss per Pendelbus in die Stadt. Wir aber tendern wenn möglich und bringen die Gäste direkt zum Marktplatz.

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Für die Tender gibt es eine separate Plattform – macht das Sinn?
Wenn die See ruhig ist, können wir damit fast übergangslos in die Tender steigen. Nur wenn die See bewegter ist, wird es etwas wackeliger und damit schwieriger, einzusteigen. Für die Zukunft planen wir beim nächsten Werftaufenthalt übrigens noch eine extra Leiter, damit Gäste auch besser in die Zodiacs kommen – eine noch andere Art, an Land zu kommen.

Bei der modernen Technik heutzutage – was kann ein Kapitän noch selber machen?
In den Hafen fahren wir komplett manuell, da sind die Nautiker gefragt. Draußen auf See fahren wir von A nach B allerdings meist per Autopilot, der die Geschwindigkeit exakt auf die geplante Ankunftszeit einstellt. Trotzdem müssen die Nautiker natürlich ständig die Fahrt überwachen. Wir haben ein Wachsystem, in dem alle fünf Nautiker eingebunden sind – also die vier Offiziere und ich. Die vier Offiziere teilen sich die Wache auf, in Vier-Stunden-Schichten. Dann hat jeder vier Stunden Wache und acht Stunden frei. Es gibt zwei Orte auf dem Schiff, die aus Sicherheitsgründen immer besetzt sind. Die Brücke und die Leitzentrale im Maschinenraum – und natürlich auch noch die Rezeption, aber die betrifft ja den Gästebereich. Bei unserer Wache ist zudem immer noch ein Matrose anwesend, der schnell zum Beispiel Dingen auf den Grund gehen kann. Wird etwa ein Feueralarm ausgelöst, läuft der Matrose dort zuerst hin und begutachtet die Lage.

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Aus dem Schornstein kommt auch auf der Europa 2 natürlich nicht nur heiße Luft heraus. Was hat sich in Sachen Umwelt getan?
Die Kreuzfahrtbranche ist in den vergangenen Jahren stark in den Fokus des Umweltschutzes gerückt, was auch gut ist. Technisch hat sich einiges getan, so gibt es Überlegungen, dass Schiffe im Hafen an die Steckdose gehen, womit einige Schiffe nun schon angefangen haben. Das wird im Hamburger Hafen sicher als Vorschrift kommen. Wir sind darauf auch vorbereitet und haben die entsprechende Steckdose. Dann gibt es weitere Vorschriften, etwa in Hamburg, New York und Hongkong, dort darf man im Hafen nur noch Diesel verbrennen und nicht Schweröl. Das können wir auch. Das kostet ein Drittel mehr pro Tonne, verbrennt aber sauberer. Zudem hat man hier den Rumpf so optimiert, dass er optimal angeströmt wird und somit Brennstoff gespart wird. Zudem haben wir einen umweltschonenden Anstrich. Ein SCR-Katalysator reduziert im Schornstein bis zu 98 Prozent der Stickoxide. Weiterhin haben wir eine sehr moderne Kläranlage und eine Anlage, um Ballastwasser per Infrarot zu behandeln, damit wir keine artfremde Flora und Fauna von A nach B bringen, etwa von Südamerika in die Ostsee.

Hat MS Europa 2 auch eine Eisklasse?
Nein, wobei durchaus geplant ist, auch in kalte Gefilde zu fahren. Wir werden durchaus mal das ein oder andere Stück Eis sehen, etwa wenn wir rund um Südamerika fahren und die chilenischen Fjorde sehen.

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Was sind persönlich Ihre liebsten Ziele?
Die letzten Jahre haben mich die polaren Regionen geprägt – die Antarktis und das Pendant mit Spitzbergen, Grönland, kanadische Hocharktis. Gerne habe ich auch Russland und Kamtschatka oder die Aleuten gemacht, wunderbar. Das sind auch noch seefahrerische Herausforderungen, weil man mit widrigen Wetter zu tun hat und überlegen muss, wann man am besten wohin fährt. Zudem kommt die Eis-Komponente ins Spiel.

Und wenn Sie privat Urlaub machen, wo fahren Sie hin?
Wenn ich zu Hause bin, bleibe ich auch gerne dort, ich muss dann nicht irgendwo hin fahren, bin gerne in meinem privaten Kosmos mit meiner Familie in Hamburg an der Elbe. Ursprünglich komme ich von der kleinen Elbinsel Krautsand.

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Geben Sie uns zum Abschluss noch einen Einblick in die ein oder andere Geschichte, die Sie auf See erlebt haben.
Auf einem meiner früheren Schiffe hatte ich auf einer Reise besonders viele japanische Gäste. Dabei haben wir kurioserweise festgestellt, dass bei den japanischen Gästen nicht zehn, sondern mehr als fünfzehn Gäste in ein Zodiac passen. Zudem stellten wir fest, dass die japanischen Gäste immer sehr diszipliniert und ruhig überall gewartet haben, egal was passiert ist. Sie haben stets die Regelungen und Anweisungen befolgt – allerdings auch bei den Bräuchen wie beim Frühshoppen. Dort nahmen sie dann an, dass man jeden Schnaps, der serviert wird, auch austrinken muss – und dann waren die nicht ganz alkoholfesten Mägen schnell mit Schnaps und Bier überstrapaziert. Ein noch kurioserer Vorfall hatte auf einer Reise vor einigen Jahren mit dem Wasserverbrauch zu tun. Wir hatten gemerkt, dass unser Wasserverbrauch stark angestiegen war – und konnten nicht ausmachen, woran es liegt. Alle Leitungen waren dicht, die Küche hatte nicht mehr Wasser verbraucht… es war uns ein Rätsel. Zur Servicezeit erhielten wir dann plötzlich einen aufgeregten Anruf vom Kabinenpersonal – in einer Kabine würde es von der Decke tropfen und selbst der Teppich stünde unter Wasser. Bei der Untersuchung stellten wir fest, dass ein Gast die ganze Zeit das heiße Wasser laufen ließ, um seine Kabine zur Dampfsauna umzufunktionieren.

Dann wissen wir jetzt, warum die Spa-Suiten auf MS Europa 2 eine Dusche mit Dampfsauna-Funktion haben. Vielen Dank für das Gespräch!

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