Schäferwagen – eine Tradition lebt wieder auf

17. Dezember 2013
Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Es war einmal in Leinach, einer kleinen Hundert-Seelen-Gemeinde, die zu Sulzfeld im Grabfeld gehört, was in Unterfranken liegt und offiziell zu Bayern zählt. Mitten im Nirgendwo, wo die nächste „große“ Stadt Schweinfurt ist, können sich noch ländlich idyllische Traumgeschichten ereignen. Eine davon ist die von Matthias Fahl und seinen Schäferwagen. Der Tischlermeister hat eine Tradition wiederbelebt.

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Früher waren es die Schäfer, die in kleinen Holzwagen neben ihren Schafen nächtigten und somit den Namen der Karren prägten. Angeblich soll dort auch das ein oder andere Schäferstündchen stattgefunden haben. Die Schäfer seien häufig krank von den Schafen gewesen und daher unfruchtbar – und so soll das gelegentliche Schäferstündchen ohne Folge geblieben sein. Aus jenen oder anderen Gründen starben die ganz klassischen Schäfer nach und nach in der Region aus – und damit auch die Schäferwagen.

Es ward im Jahre 2006, als Matthias Fahl seinem vierjährigen Sohn einen Wunsch erfüllen wollte. „Papa, kaufst du mir ein paar Schäfchen?“, fragte der Junior. Schafe spielen in der Rhön-Region immer noch eine große Rolle, um die Landschaft „kurz“ zu halten. Und wer hier in Unterfranken einen großen Hof hat, eine große Tischlerei, genügend Land drumherum, eine Jagd im nächsten Wald sowie sehr naturverbunden und schlichtweg Vater ist, der schlägt seinem Sohn natürlich keinen Wunsch aus. Also kaufte Matthias Fahl ein paar Schafe. Er hatte zwar Ahnung von Hunden, Keilern und Rotwild, aber Schafe, das war neu. Also besorgte der Tischler sich Informationsmaterial zur Pflege und Haltung von Schafen. Und auf dem Prospekt war ein alter Schäferwagen abgebildet. „Papa, baust du mir auch so einen?“

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Und so stand in der Tischlerei ab jener Zeit nicht nur noch der klassische Holzinnenausbau von Decken und Treppen auf dem Programm, sondern auch die Entwicklung und der Bau von Schäferwagen. Dabei reicht das Portfolio mittlerweile von einfachen Karren mit Holzrädern zum Abstellen im Garten bis zum Luxus-Schäferwagen mit Ofen, mehreren Schlafplätzen und Tisch auf gebremsten Achsen mit Straßenzulassung bis 80 km/h. Und so kommt es auch, dass ein Hersteller schon Schäferwagen sich mit dem TÜV beschäftigen muss.

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Schäferwagen von Matthias Fahl aus Leinach, Foto: ReiseWorld

Warum man nicht einfach einen klassischen Wohnwagen kauft, sondern einen Schäferwagen? „Das ist ein Stück Nostalgie“, erklärt Matthias Fahl. Dabei gibt es keinen klassischen Käufer, jeder Kunde ist sehr verschieden – und fordert auch unterschiedliche Ausstattungen. Matthias Fahl hat mal versucht, eine Preisliste zu erstellen: „Ich habe es dann schnell aufgegeben, hat keinen Sinn gemacht!“

Hier entsteht 2014 das erste Schäferwagen-Hotel, Foto: ReiseWorld

Hier entsteht 2014 das erste Schäferwagen-Hotel, Foto: ReiseWorld

Der erste Käufer war ein Jagd-Kollege, der sich den Wagen in seinem Jagd-Gebiet abstellt – für das Bier nach dem Schuss oder für die Übernachtung nach dem bisher ausgebliebenen Schuss. Der zweite Käufer war ein Angler, der sich den Wagen an seinen Teich stellt. Und so wurden nach und nach immer interessantere Wünsche Wirklichkeit und schon Schäferwagen auf Baukränen über Häuser hinweg in Gärten gehoben. Und so betreibt ein holländischer Busfahrer einen Schäferwagen, um Skitouristen in die Schweiz zu fahren und am Parkplatz der Piste vom Schäferwagen aus die erste Après-Ski-Party zu starten.

Doch eines haben alle Wagen gemeinsam: Sie sind grundsätzlich spartanisch und ursprünglich. „Manchmal ist weniger mehr“, meint Matthias Fahl. Die Reduzierung aufs Wesentliche, die Rückbesinnung auf Traditionen. Somit trifft der Tischler den derzeitigen Trend. Tradition ist wieder hip, gerade in Bayern. Seit ein paar Jahren rennen alle wieder in Dirndl und Lederhose aufs Oktoberfest, und ein Schäferwagen ist nicht alt verstaubt, sondern neu wiederbelebt.

Schreinermeister Matthias Fahl, Foto: ReiseWorld

Schreinermeister Matthias Fahl, Foto: ReiseWorld

Eine unmittelbare Bestätigung dafür ist, dass es bisher nie Probleme gab, Schäferwagen irgendwo abzustellen. Einmal zählen sie nicht als Wohnwagen, sondern nur als „Karren“ – haben also deutlich weniger Auflagen, als wenn man irgendwo einen Wohnwagen abstellen möchte. Außerdem denkt auch niemand darüber nach, einen schönen Schäferwagen aus Massivholz irgendwo entfernen zu lassen. Ist doch schön anzusehen, der Karren. Die nächsten Schäferwagen gehen an Schausteller, die die Wagen auf gemütlichen Weihnachtsmärkten einsetzen und aus dem Wagen heraus Glühwein und Co. verkaufen.

Schreinermeister Matthias Fahl, Foto: ReiseWorld

Schreinermeister Matthias Fahl, Foto: ReiseWorld

Da die Wünsche der Kunden so unterschiedlich sind, bewegt sich so ein Schäferwagen im Bereich von  5.000 bis 30.000 Euro. Darin stecken teilweise mehrere hundert Stunden Arbeit und ausschließlich Massivholz. „Bei mir gibt’s keine Spanplatten!“ ist das Prinzip von Matthias Fahl. Weil das Konzept so gut ankommt und es schon so viele Anfragen gab, in den Ausstellungsstücken auf dem Hof zu übernachten, soll im Mai 2014 dann ganz offiziell das erste Schäferwagen-Hotel eröffnen. Dann können in gut zehn Schäferwagen naturverbundene Gäste mal ganz traditionell übernachten – ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Die Rückbesinnung aufs Wesentliche als Flucht vor der modernen Gesellschaft. Und vielleicht wird es dann im ein oder anderen Schäferwagen wieder sehr romantisch, ganz wie damals.

Text & Fotos: ReiseWorld, Thomas Majchrzak

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