Schwimmen mit Delfinen in der Dolphin Academy Curacao

14. Januar 2015

Schwimmen mit Delfinen: Kann das artgerecht sein? Als begeisterte Naturfreunde hatten wir schon viel Freude an Delfin-Watching-Touren, bei denen man im Katamaran die Delfine in freier Wildbahn beobachtet. Dabei machen sich die Delfine einen Spaß daraus, auf der Bugwelle zu reiten – und können jederzeit wegschwimmen, wenn sie denn mögen. Hautengen Kontakt zu Delfinen bekommt man aber nur in separaten Einrichtungen wie der Dolphin Academy Curacao, die sich im Sea Aquarium Park in Willemstad, Curacao befindet. Wir haben gehört, dass dort die Delfine sogar aus der Lagune schwimmen können und haben uns die Einrichtung vor Ort angesehen.

Artgerechte Unterbringung in Dolphin Academy?

Delfinarien, egal wo auf der Welt, können niemals eine artgerechte Unterbringung für die Delfine gewährleisten. Daher lehnen wir beispielsweise die Haltung von Delfinen in Zoos hierzulande auch strikt ab. Der Zoologe Christian Schulze von der Ruhr-Universität Bochum hat in einer wissenschaftlichen Stellungnahme im Auftrag des Wal- und Delfinschutz-Forums festgestellt, dass die Bahnlänge eines Delfinariums etwa 850 Meter lang sein müsste, damit ein Delfin eine Minute lang geradeaus schwimmen könnte. Bei der Dolphin Academy Curacao hatten wir gehört, dass dort Schwimmen mit Delfinen möglich sei und die Delfine auch aus der Lagune hinaus schwimmen können – vielleicht ein verträglicher Ansatz?!

Vor Ort informieren wir uns ausführlich über das System und die Haltungsbedingungen. Der Beginn der Einrichtung ist auf jeden Fall kritisch zu sehen. Die ersten Delfine wurden aus anderen Delfinarien zur Karibik-Insel Curacao gebracht. Irgendwann davor müssen jedoch auch mal freie Delfine eingefangen worden sein, um so ein Programm zu starten. Viele der Delfine in Delfinarien sollen aus Japan stammen, wo sie in einer brutalen Treibjagd gefangen werden und die schönsten Exemplare verkauft werden, zum Teil für bis zu 150.000 Euro pro Tier. Die Ahnen der Delfine in der Dolphin Academy hingegen sollen aus dem karibischen Raum stammen.

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Geburt in der Lagune der Dolphin Academy

In der Dolphin Academy Curacao wurden dann im Laufe der Zeit einige Delfine vor Ort geboren, so dass man heute über 20 Delfine hat und nun damit anfangen muss, zu kontrollieren, dass die Delfine sich nicht weiter vermehren. Das Platzangebot für die Delfine ist gefühlt nicht überragend, denn die durchaus große Lagune wird mit Netzen jeweils in einzelne Bereiche abgesperrt. Die zusätzliche Unterteilung der Lagune in einzelne Becken hat man bewusst eingeführt, um zum Beispiel weibliche Delfine zu schützen, während sie ihre Jungen aufziehen. Rowdyhafte männliche Delfine können nämlich den Nachwuchs durchaus gefährden. Nachdem jahrelang ein Patriarchat geherrscht hat, war der Ober-Delfin jüngst verstorben. Nun konkurrieren einige Jungdelfine um die Vorherrschaft. Und daher werden manche Delfine vorübergehend künstlich voneinander getrennt – aus eigenem Interesse, wie man uns hier versichert. Zwar haben die Becken einen Wasseraustausch mit dem offenen Meer, doch können die Delfine nicht selbstständig direkt ins Meer schwimmen. Das finden wir enttäuschend. Waren wir doch in der Hoffnung gekommen, dass die Delfine immer selbst entscheiden können, ob sie sich in der Lagune aufhalten oder im Meer schwimmen.

Kompliziertes soziales Geflecht in der Dolphin Academy

Überhaupt ist das soziale Geflecht ein heißes Thema in der Dolphin Academy Curacao. Die Trainer kümmern sich ausführlich um die Delfine und beobachten, welche sozialen Spannungen oder Bündnisse entstehen. So dürfen sich die Delfine gerne verlieben und Zeit zusammen verbringen. Dass Besucher sehen, wie Delfine Sex haben, ist auch nicht ungewöhnlich. Vielleicht ein Zeichen, dass die Delfine sich wohl fühlen? Insgesamt machen die Delfine auf uns einen sehr aufgeweckten und interessierten Eindruck.

Die Delfinshows, die es in der Dolphin Academy auch gibt, sind für die Zuschauer beeindruckend und unterhaltsam. Denn die hochintelligenten Tiere lassen sich nunmal unglaublich gut dressieren. Dabei wird ausschließlich die Methode des „Positive Enforcements“ angewandt, das heißt: Nicht zielführendes Verhalten wird einfach ignoriert, aber niemals bestraft. Richtiges Verhalten bei Kommandos wird dagegen mit verbaler Bestätigung, Streicheleinheiten und Fisch-Snacks belohnt. Der Fisch kommt übrigens streng kontrolliert und tiefgefroren aus Kanada, weil vor Ort der Fisch nicht denselben Qualitätskriterien unterliegt. Und da Delfine in der Natur ausschließlich Lebendfisch fangen, haben sie im Vergleich etwa zu Haien deutlich empfindlichere Mägen.

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Delfine machen einen neugierigen Eindruck

Putzmunter zeigen die Delfine auf Kommando Sprünge, Rollen, geben Küsschen oder hieven die Trainer in die Luft. Dabei sprechen die Delfine auch – Klicklaute für die Orientierung und höhere Töne für die Bekanntgabe ihres Namens. Als Nicht-Delfinwissenschaftler mag man dies auch als Freude interpretieren. Auch die Dolphin Academy Curacao sagt, dass die hohen Laute Freude signalisieren, bzw. dass die Delfine stolz auf sich sind, wenn sie Aufgaben gut erledigt haben.

Das Programm Schwimmen mit den Delfinen ist für die Besucher sehr prägend, weil sie hautnah mit den Tieren zusammen kommen und diese streicheln dürfen. Dabei werden die Menschen nicht ohne Vorbereitung ins Wasser gelassen. Vorher wird ausführlich informiert, dass man mit den Delfinen respektvoll umzugehen hat und sie zum Beispiel nur zentral im Bereich unterhalb der Rückenflosse sanft streicheln soll. Wie beim Mensch mögen es die Delfine nicht, wenn man sie einfach unvermittelt im Gesicht oder am Bauch anfasst.

Einmaliges Erlebnis

Kommen die Delfine auf einen zu, muss man sich zu ihnen wenden und dann parallel mit ihnen mitschwimmen, um zu signalisieren: Lass uns gemeinsam schwimmen. Das machen sie gerne mit und lassen sich dabei auch streicheln. Ein tolles Erlebnis für die Menschen. Man sagt uns, dass den Delfinen das auch gefällt. Für uns ist dieses besondere Erlebnis eindeutig dadurch getrübt, dass die Tiere, entgegen unserer ursprünglichen Annahme, hier grundsätzlich in Gefangenschaft leben, zur Unterhaltung der Touristen. Und auch wir sind in diesem Fall ein Teil des Systems.

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Ausflüge ins offene Meer von der Dolphin Academy

Als eine der wenigen Delfin-Einrichtungen weltweit erlaubt es die Dolphin Academy Curacao tatsächlich gelegentlich, dass die Delfine im offenen Meer Schwimmen, allerdings auf geführten Touren. Es ist möglich, das Tor zum Meer zu öffnen und die Delfine mit einem Boot nach draußen zu begleiten. Da die Delfine das offene Meer nicht gewöhnt sind, werden sie trainiert, das Boot zu verfolgen. Dies soll auch verhindern, dass sie mit anderen Booten und Schiffen zusammenstoßen. Dass allerdings auch der eigene Ausflug mal schief gehen kann, musste ein Delfin schon am eigenen Leib erfahren. Er kam bei hohem Wellengang in die Bootsschraube und trägt seitdem eine tiefe Narbe an der Rückenflosse, kommt aber mittlerweile wieder gut zurecht.

Nicht alle Delfine schwimmen hinaus

So wollen auch nicht alle Delfine das Boot verfolgen, ältere Weibchen bleiben zum Bespiel in der Lagune, auch wenn das Tor geöffnet wird. Manche andere haben dagegen Lust und schwimmen mit, machen dann entweder reine Spaß- oder Trainingsausflüge, oder nehmen an einem Programm für Schnorchler oder Taucher im offenen Meer am Riff teil. Positiv ist bei der Dolphin Academy Curacao auch hervorzuheben, dass sie mit sämtlichen Fragen und Informationen völlig transparent umgeht. Heimlichkeiten, so scheint uns, gibt es hier nicht.

Therapie-Programme mit Delfinen im Dolphin Therapy Center Curacao

Neben dem Unterhaltungsprogramm gibt es in einer anderen, angeschlossenen Einrichtung, dem Dolphin Therapy Center Curacao, Programme für Kinder mit Behinderung. So kommen zum Beispiel Familien mit Kindern mit Down-Syndrom oder Autismus hierher, um einen gemeinsame Therapie mit Delfinen zu absolvieren. Die Delfine geben den Kindern dabei jeweils unmittelbare soziale Interaktion und Rückmeldungen, was die Kinder aus ihrer Umwelt teilweise nicht gewohnt sind. Am Anfang jeder Therapie setzen die Therapeuten mit der Familie drei Ziele, die während der zum Beispiel zweiwöchigen Therapie erreicht werden sollen – etwa dass die Kinder Angst vor Wasser bzw. der Dusche oder Badewanne verlieren oder besser auf soziale Interaktion reagieren. Dass das mit Delfinen besser gelingt als mit Hunden, soll daran liegen, dass Delfine die Kinder noch direkter anschauen und unfreiwillig immer ein freundliches Gesicht haben – und grundsätzlich beeindruckendere Tiere sind als Hunde, die Kinder vielleicht ohnehin aus dem Alltag kennen. Das Wal- und Delfinschutz-Forum bezeichnet Delfintherapie hingegen als „Missbrauch der Delfine“ und „medizinisch unsinnig“.

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Engagement für den Umweltschutz

Neben dem respektvollen Umgang mit den Tieren bringen die Trainer den Besuchern auch bei, allgemein verantwortungsvoll mit dem Meer und seinen Tieren umzugehen. So übernimmt die Dolphin Academy Curacao auch eine Art Lehrauftrag. Die Dolphin Academy Curacao unterstützt beispielsweise ein karibisches Netzwerk aus Umweltverbänden und Institutionen, das von einem der Gründer der Academy ins Leben gerufen wurde. Bei diesem transkaribischen Forschungsnetzwerk werden Bestand, Vorkommen und Verhalten der Delfine in der südlichen Karibik erforscht, um Grundlagen für den Schutz der Tiere zu haben. So will das Netzwerk ermitteln, wo sich die freilebenden Delfine hauptsächlich aufhalten, um so zum Beispiel Schutzzonen fordern zu können.

Weiterhin haben Mitarbeiter der Academy den Curacao Cleanup ins Leben gerufen, bei dem einmal pro Jahr von mehreren tausend Freiwilligen der Straßen-Müll auf der Insel eingesammelt wird, um ein Zeichen zu setzen und auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Diese Aktion wird nun auch in den Schulen promotet, mit eigene Lernutensilien – um schon die Kinder für die Umwelt zu sensibilisieren.

Fazit

Die Delfine in der Dolphin Academy sind Große Tümmler, die sich auch in der Natur in Lagunen und im Küstenbereich aufhalten. Daher würde es diesen Delfinen weniger ausmachen, mit beschränktem Platz auszukommen, als anderen Delfinarten, sagt man uns. Tierschutzorganisationen wie die Gesellschaft zur Rettung der Delfine e.V. widersprechen dem deutlich und meinen, dass der ständige Kontakt mit Menschen für die Tiere ungeheuren Stress verursache und keine Delfinart guten Gewissens in Gefangenschaft gehalten werden könne. Tierfreunde beobachten Delfine am besten bei Delfin- und Whale-Watching-Touren in freier Wildbahn, wo die Tiere jederzeit freiwillig näher kommen und wegschwimmen können und die gesetzlichen Richtlinien der Delfinbeobachtung strikt beachtet werden. Denn artgerecht ist für Delfine einzig und allein das Leben im Meer.

Titelfoto: Dolphin Academy Curacao
Fotos: ReiseWorld

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